12. Tag

Nach einem reichhaltigen Frühstück mit Pancake and Honey und Bread, Butter and Jam für mich und Scrambled Egg für Kirsten geht unsere Tour um Bac Ha los. Der verrückte Führer der Beiden gestern muss leider abziehen, nachdem seine Mutter vorbeikam und lautstark zu schimpfen begann. Moon, der junge Mann von der Rezeption klärt uns darüber auf, dass er zu lange mit der Irin und dem Ami beim Karaoke war und seine Mutter die ganze Nacht auf ihn gewartet hat. So muss also Moon als Guide einspringen, was uns eigentlich ganz recht ist, denn er ist ein relativ ruhiger Vertreter und spricht verhältnismäßig gut englisch.

Unsere erste Station ist das Heim eines Flower Hmong Mannes. Der alte Herr lädt uns zu Tee und Maisschnaps ein. Das Haus ist niedrig, dunkel und hat einen festen Lehmboden. Immerhin stehen zwei Bänke und ein großer Tisch zur Verfügung. Der Alte spricht kein Englisch. Wir "unterhalten" uns mit Handzeichen oder Moon übersetzt. Er sei in Rente sagt uns Moon, was immer das hier auch bedeuten mag. Alle anderen Bewohner des Hauses arbeiten auf den Feldern. Wir stoßen mit Maisschnaps an und er ist teuflisch stark. Eingeschenkt wird er aus einer großen Plastikwasserflaschen. Aber darin ist definitiv kein Wasser, obwohl es so scheinen mag. Laut Moon ist es erlaubt, nur zu nippen. Ich fasse mir nach dem ersten Nippen aber ein Herz und kippe das Zeug runter. Zweimal hintereinander schlucken kriege ich gerade so hin, dreimal hätte ich nicht geschafft. Wahrscheinlich kann man damit auch Motoren antreiben, laut unserem Guide geht das tatsächlich. Es brennt wie Feuer ist aber auch nicht viel anders als ein Korn. Das gefällt dem Alten, der sichtlich überraschte und freudige Laute von sich gibt. Moon soll jetzt als echter Mann natürlich auch alles austrinken, aber sträubt sich. Ich bedaure jetzt, ihn in Zugzwang gebracht zu haben. Kirsten ist als Frau entschuldigt.

Dann spielt der Alte uns noch etwas auf einem Instrument vor, das aus mehreren Bambusstöben aufgebaut ist und in das man reinbläst. Klingt ein wenig wie ein Dudelsack. Dazu tanzt er auch noch irgendwie rituell und macht zwischendurch etwas, das fast an Schuhplatteln erinnert. Es ist bizarr und ich frage mich zwischendurch, ob schon die ersten alkoholbedingten Halluzinationen eingesetzt haben. Aber Kirsten bestätigt das was ich zu sehen glaube. Nachdem ich ein zweites Glas von dem Schnaps dankend abgelehnt habe, gehen wir wieder. Ich erwarte die Wirkung des Schnaps, aber erstaunlicherweise spüre ich fast nichts.

Weiter geht es über Hänge und schlammige Wege bergauf, bergab durch terrassierte Felder. Es ist fast die ganze Zeit bedeckt und wir gratulieren uns wieder einmal dazu. Die Hitze macht uns völlig fertig, während Moon in Jeans und langärmeligen Hemd kaum zu schwitzen scheint.

Unterwegs kommen wir wieder an einer französischen Hinterlassenschaft vorbei. Eine Art Palast, den die Franzosen für einen der Stammesführer gebaut hatten. Vermutlich um ihn ordentlich zu bestechen.

Wir kehren in noch einer Hütte ein, die noch ärmeren Leuten gehört. Dort gibt es jetzt nicht einmal mehr Stühle, sondern nur Hocker, die bei uns nicht mal als Fußschemel herhalten würden. In der langgestreckten Hütte leben angeblich 15 Menschen. In jeder Ecke steht ein Bett, notdürftig oder gar nicht abgeschirmt. Nur ein alter Mann und viele Kinder sind da; die Mädchen in der bunten Kleidung der Blumen-Hmong und die Jungen ganz in schwarz. Sie schauen uns mit großen Augen an, stehen in der Tür und wagen es nicht näher zu kommen. Jede Bewegung wird genauestens beobachtet. Das Trinken aus der Flasche genauso wie das Wechseln des Films. So etwas haben sie offensichtlich noch nie gesehen. Wir könnten nicht mehr Verwunderung hervorrufen, wenn wir direkt vom Mond kämen und mit einer Rakete gelandet wären. Dies ist der Moment, der einem bewusst werden lässt, dass man ganz anders ist. Der Anblick der Kinder, die wie bunte Orgelpfeifen in der Tür stehen und uns neugierig anstarren, muss einfach jedes Herz erweichen. Auch wir geben uns dem Genuss des hemmungslosen Glotzens hin. Ich kann mir nicht verkneifen, nach der Möglichkeit von Fotos zu fragen. Moon sagt etwas zu den Kindern und meint, ich dürfte, aber die Kinder haben Angst und wollen nicht, also mache ich am Ende keine Fotos. Hinterher ärgere ich mich, überhaupt gefragt zu haben.

In einem anderen Haus, in dem sie wenigstens drei Stühle besitzen packen wir unseren Lunch aus. Weißbrot, Streichkäse (eigentlich hassen Vietnamesen Käse), Eier und die unvermeidlichen Bananen. Auf einem der vier Betten, in den jeweiligen Ecken des Hauses verteilt, schläft jemand (es ist nicht zu erkennen, ob es eine Frau oder ein Mann ist, da derjenige bzw. diejenige die Decke über den Kopf gezogen hat. Auf einem anderen Bett, nahe der Tür lümmeln sich vier Jungs, im Alter zwischen 2 und 10 rum und beobachten, was wir machen. Nach dem Essen laufen wir wieder eine Weile, besuchen noch eine Schule und gehen an Hütten vorbei, in denen die Zeit vor 1000 Jahren stehen geblieben ist. Schwer beeindruckt sind wir nach 5 Stunden wieder zurück und haben das Gefühl, etwas noch gänzlich Unverfälschtes gesehen zu haben, das wohl in dieser Form wegen des Tourismus, also auch wegen uns, nicht mehr lange existieren wird. In Sapa werden so etwas wahrscheinlich nicht mehr finden.

Den Rest des Tages relaxen wir, denn die Tour hat uns fürchterlich geschlaucht. Am Abend tobt sich ein Gewitter aus und wir sitzen in unserem Zimmer auf dem Bett und schauen staunend nach draußen. Gegenüber fliegen sogar ein paar Holzschindeln vom Dach. Dicke schwarze Wolken ziehen mit atemberaubender Geschwindigkeit heran und Blitze zucken ohne Unterlass. Erst als der Regen etwas nachlässt, trauen wir uns runter, um noch eine Kleinigkeit zu essen.