Heute Abend werden wir mit dem "Soft Sleeper" Richtung Lao Cai fahren. Wir verbringen den Tag damit, von Café zu Café zu schlendern und die Zeit totzuschlagen. Verwunderlich ist, dass wir noch immer keine Zeitungsläden entdeckt haben. Die Jungs, die mit Zeitungen auf den Arm herumlaufen, haben immer nur asiatische Druckwerke dabei. Auch englischsprachige Bücher findet man nicht. Dafür entdecken wir einen Goethe auf vietnamesisch.
Eigentlich hatten wir im Hotel abgemacht, dass wir bis 17:00 Uhr bleiben können und den halben Zimmerpreis zahlen. Kurz vor 16:00 Uhr ruft der Portier an und sagt, wir müssten jetzt doch früher raus, weil er sonst niemand hätte, der das Zimmer sauber machen könnte. Wir sind ein wenig verärgert, aber haben tatsächlich schon alles gepackt, so dass wir sofort aufbrechen können. Bei der Abrechnung kommt es dann auch noch zu Unstimmigkeiten. Erst wird der halbe Tag mit 10 Dollar berechnet, obwohl das Zimmer 18 Dollar + 2 Dollar für das Frühstück kostet und wir also nur 9 Dollar für einen halben Tag bezahlen müssten, dann taucht ein Kaffee auf, den wir nie bestellt haben und zu allem Überfluss wird eine 10-prozentige Tax berechnet, von der noch nie die Rede war und die immerhin 5 Dollar ausmacht.
Wir beschließen entgegen unseren Planungen, nicht mehr in dieses Hotel zurückzukehren, und auch den zweiten Rucksack mitzunehmen. Klingt kleinlich, aber man muss sich ja auch nicht total veräppeln lassen. Um die Ecke reservieren wir für 20 Dollar inklusive Tax, Frühstück und Internet (!) ein Zimmer für Sonntag, das ebenso ok ist wie unser bisheriges. Dann drehen wir noch eine Runde um den See und brechen schließlich mit dem Taxi Richtung Treffpunkt auf. Vorher hat uns der Portier noch erklärt, dass wir von einem Guide zum richtigen Gleis und Abteil gebracht werden.
Der Treffpunkt ist irgendwie gleichzeitig ein Hotel, ein Restaurant und hat irgendwas mit der Eisenbahngesellschaft zu tun. So genau durchschauen wir das noch nicht. In der Nähe leuchtet ein Schild mit der beruhigenden Aufschrift "Place go to meet passengers". Naja, ist schon klar, was damit gemeint ist. Das Hotel Mango, in dessen Restaurant wir sitzen, befindet sich direkt neben dem Bahnhof. Als es Zeit ist, fordert uns ein offenbar Verantwortlicher auf, ihm jetzt zum Zug zu folgen. Außer uns ist noch eine Kanadierin dabei. Wir gehen in das Hotel und weiter durch dessen Frühstücksraum. Es kommt uns etwas spanisch vor. Aber dann wird an der Hinterseite des Raums eine Jalousie hochgezogen und wir erkennen, dass der Raum direkt auf den Bahnsteig führt. Dort stehen schon einige Züge. Unser Führer bringt uns zum richtigen Zug und Abteil und wir verstehen nun, warum das so gemacht wird, denn ohne fremde Hilfe hätten wir das nie gefunden.
Das Abteil ist dann ziemlich bequem. Wir schieben die Rucksäcke unter die unteren Pritschen. Die Kanadierin nimmt eine der oberen Pritschen und legt sich gleich schlafen. Die Klimaanlage bläst einen eisigen Wind in den Raum. Auf einer Ablage stehen vier kleine Flaschen Wasser, dabei liegen vier Teile, die wie Wasserwecken aussehen. Auf den Pritschen liegen Matratzen, ein Kissen und eine schrecklich dicke, milbenverseuchte Decke. So reist man also in Vietnam luxuriös. Wir gratulieren uns dazu, die Betttücher mitgenommen zu haben, decken uns damit zu und versuchen zu schlafen.
Vorher verfolgen wir jedoch noch fasziniert, wie der Zug die Stadt verlässt. Die Gleise führen dabei fast durch die Wohnzimmer einiger Leute. Alles ist total eng. Einige Häusereingänge gehen offensichtlich auf die Gleise raus. Das sind nicht etwa Rückseiten von Häusern, das sind Vorderseiten. Ich bin sicher, tagsüber stellen die Leute Tische und Stühle auf den Gleisen auf! Man wirft mal wieder einen Blick darauf, unter welch erbärmlichen Verhältnissen die Menschen hier leben und kann nur noch den Kopf schütteln. Es offenbart schon ein Höchstmaß an Organisation, dass auf den Straßen, die der Zug auf dem ersten Kilometer kreuzt, alle Rollschranken zugezogen sind und davor Horden von Motorradfahrern ungeduldig warten. Sicher sind sie nur so diszipliniert wegen der Anwesenheit von Schrankenwärtern. Man erinnere sich: Jeder Job ist hier mindestens doppelt besetzt und was automatisch gemacht werden könnte, wird der Beschäftigung wegen ganz bestimmt manuell durchgeführt. Manchmal bleibt uns dieses Land ziemlich fremd.
In der Nacht frieren wir beiden wie die Schneider, denn die Klimaanlage ist sicher auf -15 Grad eingestellt! Wir nehmen die dicken Decken (deshalb!) und so geht es eigentlich ganz gut. Die Fahrt dauert über 9 Stunden und das ist auf jeden Fall die angenehmste Art, sie zu verbringen.