Morgens sitzen wir am Frühstückstisch und hören zu unserem Entsetzen wieder die Stimme des australischen Alten. Scheinbar finden die beiden uns aber auch inzwischen uninteressant und grüßen nur kurz und setzen sich woanders hin.
Den Tag verbringen wir damit, durch die Gassen der Altstadt zu schlendern. Wir kaufen uns Karten für die Abendvorstellung des Wasserpuppentheaters. Das ist hier in Hanoi ein absolutes Muss und etwas, das es sonst scheinbar nirgends gibt. Wir erwarten eine Art Augsburger Puppenkiste, bei der das Wasser nicht aus wild bewegten Plastikfolien besteht. Sonst halten wir uns abwechselnd draußen und im Hotelzimmer auf, um uns abzukühlen, wenn uns zu heiß wird.
Am Bahnhof kaufen wir zwei Fahrkarten für den nächsten Abend, um mit dem Nachtzug nach Lao Cai zu fahren. Lao Cai ist ein Ort direkt an der chinesischen Grenze, von dem aus man dann mit dem Bus nach Bac Ha oder Sapa kommt. Die Fahrt mit dem Nachtzug haben uns die Australier empfohlen. Da wir keinen Bock mehr auf Gruppentourismus haben und uns außerdem der Ehrgeiz packt, das selbst zu schaffen, wollen wir es wagen. Die Schlafwagenkategorie wird als Soft-Sleeper bezeichnet und ist natürlich die teuerste. Man schläft zu viert in einem Abteil. Auf jeder Seite sind zwei Pritschen mit Matratzen übereinander angebracht. Wir sind gespannt.
Etwas verwirrt sind wir über die Angaben der Schalterbeamtin, wo denn nun der Zug fährt. Zusätzlich dazu versetzt uns der Reiseführer in Panik, weil der von mindestens vier Bahnhöfen berichtet. Wir verstehen schließlich, dass wir uns scheinbar an einem Treffpunkt einfinden sollen und man uns dann auf irgendeine Weise in den Zug verfrachtet. Ob wir nochmal mit dem Bus fahren oder der Zug an dieser Station abfährt, ist uns unklar. Auf dem Ticket steht noch, dass wir mindestens eine halbe Stunde vorher da sein sollen. Aber auch das ist in so verquerem Englisch beschrieben, dass wir uns nicht ganz sicher sind. Ich mache ein bisschen Panik, Kirsten sieht es ganz locker. Wir werden sehen.
Am Nachmittag gehen wir zur Fußgängerbrücke über den Roten Fluss. Diese Brücke haben vor hundert Jahren die Franzosen gebaut und die hundert Jahre sieht man ihr auch an. Der Himmel ist bedeckt und alles sieht etwas trostlos aus. Das Ufer des Roten Flusses wird von einem verschachtelten Chaos von Hütten und Häusern gesäumt. Von den Häusern führen Trampelpfade zum Wasser herunter. Es sieht aus wie ein Slum. Ein Zug kommt und donnert neben uns vorbei. Er donnert wirklich. Die Brücke bebt und wir sind ziemlich eingeschüchtert.
Abends gehen wir dann ins Wasserpuppentheater. Im Warteraum fällt uns auf, wie wenig hier einige Touristinnen auf das achten, was in jedem Reiseführer steht. Sie laufen provozierend offen in kurzen Hosen und hautengen Träger-T-Shirts herum und sehen selbst in unseren Augen einfach billig aus. Eigentlich ist das nicht zu verstehen.
Wir gehen rein und setzen uns in die zweite Reihe. Für 40.000 Dong kann man das erwarten, oder? Zuerst spielt eine Solistin auf einer Art Draht, der über einen Bügel gespannt oder entspannt wird, etwas zusammen mit dem Orchester aus Trommeln, Flöten und Rasseln. Es ist erstaunlich. Zwar absolut fremd für unsere Ohren, aber das erste Mal habe ich das Gefühl, dass ich etwas davon verstanden habe. Jetzt, wo ich es live sehe, glaube ich, dass sehr bewusste Absicht hinter jedem Ton steht, der gespielt wird, obwohl sich das für uns immer so chaotisch anhört.
Das Puppentheater danach ist nett. Es werden harmlose kleine Geschichten erzählt und die Technik der Puppenspieler ist äußerst ausgefallen. Auf die Idee, Puppen an langen Stangen von hinter einem Sichtschutz aus zu steuern und auf- und abtauchen zu lassen, muss man erst mal kommen. Dazu lullt uns die Kindermusik ein. Wir beschließen spontan, die nach der Reise fällige Diashow mit der Musik zu untermalen, denn in der Eintrittskarte war auch eine Kassette inbegriffen.
Gut, dass es nur etwas über eine Stunde dauert, denn mein Kreislauf machte schon langsam schlapp. Wir gehen das erste Mal in Hanoi noch abends einen trinken und sitzen noch bis 23:00 Uhr in der Nähe unseres Hotels in der Altstadt im ersten Stock auf einer großen Terrasse. Von dort aus beobachten wir, wie das Leben auf den Straßen langsam versiegt. Gegenüber schließt eine Familie ihren "Laden". Ein Mann räumt die Glaskästen mit dem Omo und sonstigem Krimskrams von der Straße in den Laden. Man sieht, dass jeder dieser Handgriffe schon tausend Mal gemacht wurde. Zwei Leute liegen schon in einer Ecke des Raums auf dem Boden und werden nun langsam zugebaut. Nachdem alles verstaut ist, wird die Glühbirne draußen ausgeschaltet und die Gittertüren zugezogen. In dem winzigen Raum sind mindestens fünf Leute verschwunden. Unsere Beobachtungen frustrieren uns nicht wenig. Was ein Leben! Es ist für uns einfach unvorstellbar eng und arm.
Als wir zurück ins Hotel wollen, ist die Leuchtreklame aus und wir laufen erst daran vorbei. Dann sehen wir, dass auch die Gittertüren zu sind. Wir können sie aber zur Seite schieben und treten in die Eingangshalle. Dort schlägt der Portier offensichtlich gerade sein Nachlager auf einer Liege auf. Etwas peinlich berührt nehmen wir unseren Schlüssel und ziehen uns in unser Luxuszimmer zurück.