Wenn Du die Augen schließt, kannst Du noch den köstlichen Fisch und die scharfe Chilli-Soße auf der Zunge schmecken, während eine laue Brise vom Meer kommt und die Promenadenbeleuchtung immer wieder aufs Neue explodiert…
Den nächsten Morgen erwachen wir nur kurze Zeit nach dem Sonnenaufgang. Wir sind die Ersten auf dem Sonnendeck und es herrscht noch eine verschlafene rosa getönte Stimmung.
Das Wasser ist in der Bucht, in der wir ankern, spiegelglatt. Die Ebbe macht sich mit ein paar Metern bemerkbar und zwei Frauen suchen auf den Felsabschnitten, die sich von den Felsinseln aus großflächig unter dem Wasser erstrecken, nach irgendwas und unterhalten sich dabei in ihrem singenden Tonfall. Es ist unendlich friedlich und wir sind genauso unendlich müde.
Wir erfahren, dass der Regen nur ganz kurz angedauert hat. Eigentlich hätte es gereicht, wenn wir unter das Dach des Sonnendecks geflüchtet wären. Aber wer konnte wissen, dass es nicht regnet wie bei einem Wolkenbruch.
Während des Frühstücks lichten wir den Anker und tuckern los. Auf dem letzten Abschnitt nach Cat Ba kommen wir an richtigen Siedlungen auf dem Wasser vorbei.
Die Hütten werden größer und schwimmen malerisch zwischen den Felsinseln. Manche sind bunt angemalt, bei andern flattert die Wäsche an der Leine. Uns fällt auf, dass fast jede Hütte ihren Hund hat. Ob die genug Auslauf kriegen?
![]()
Schließlich legen wir an und werden wieder in einen Bus verfrachtet. Zum eigentlichen Hauptort der Insel sind es noch ein paar Meter, dann sind wir in Cat Ba angekommen. Wir bekommen ein Hotelzimmer mit Blick auf den Hafen und die Strandpromenade.
Ja, tatsächlich, hier gibt es so etwas wie eine Strandpromenade! Und sie ist wirklich ganz schön gemacht. Man sieht förmlich, wie sich die Vietnamesen hier bemühen, sich den westlichen Vorstellungen von einem Badeort anzupassen. Einerseits schön, andererseits auch erschreckend.
Wir haben 1,5 Stunden freie Zeit und nutzen sie um zu duschen und relaxen. Das Hotel ist sauber und freundlich. In unserem Zimmer stehen drei einzelne Betten. Die Dusche ist im Bad auf keine Weise abgetrennt, sondern hängt einfach an der Wand. Man duscht quasi das ganze Bad mit, was ja ganz nützlich ist, da man es auf diese Weise gleich mit sauber macht. Nasse Klodeckel sind ja auch nicht weiter schlimm. Wir amüsieren uns köstlich über braune Badeschlappen mit der Aufschrift "Nike".
Dann werden wir wieder in den Bus verfrachtet und fahren quer über die Insel. Am Anleger der Fähre nach Hai Phong besteigen wir einen Kutter und fahren einen Fluss hinauf durch Mangrovenplantagen. Danach folgt ein kurzer Fußmarsch und wieder die Besichtigung einer Höhle, die allerdings nicht so imposant ist wie die vom Vortag.
Wir fahren zurück und werden wieder in den Bus verfrachtet. Das Ganze ähnelt leider immer mehr dem, was wir bei einer Tour befürchtet haben: Generalstabsmäßig werden wir von Ort zu Ort gekarrt. Schließlich stoppt der Bus und wir laufen ungefähr eine Stunde durch den Nationalpark. Da die anderen wohl annehmen, dass der Erste einen Preis bekommt, stürmen sie vorwärts. Wir bleiben etwas zurück und genießen die Ruhe.
Gott sei Dank ist es bedeckt. Auch wenn es den Fotos schadet, freue ich mich darüber, denn bei brennender Sonne wäre es sicher unerträglich. Das Tal, das wir durchwandern ist wunderschön. Zwischen sanft geschwungenen Hügeln liegen die unvermeidlichen Reisfelder und einige Wasserbüffel mustern uns verdutzt. Ein Bauer ruft uns etwas zu, das wir erst im Nachhinein als "Hallo" verstehen. Wir sind etwas irritiert, als er auf uns zusteuert, was ihn sichtlich amüsiert. Gerne hätte ich ihn neben dem Wasserbüffel fotografiert, aber wiederum gilt: Das hier ist kein Zoo und warum sollte man den Leuten das Gefühl geben, sich in einem zu befinden?
Der Lunch findet diesmal in einem authentischen Haus statt. Es ist zur Straße sehr schmal und hat eine Art gekachelte Veranda, auf deren Stufen sitzend uns die Gastgeberin begrüßt. Alles ist pikobello sauber. Ins Haus führt eine garagentorgroße Tür, die offen steht. Unten besteht das Haus aus einem einzigen großen Raum. Wir ziehen die Schuhe aus und setzten uns in die blauen Plastikstühle, die überraschenderweise mal Normalmaß besitzen. Es gibt Brot, ein Ei und Früchte. Ungefähr in der Mitte des Hauses schwingt sich an der Seite eine Treppe zum oberen Stockwerk empor, das nur die Hälfte der Haustiefe einnimmt. Dort sind anscheinend die Betten. Der Boden ist überall gekachelt und das Haus strömt eine Atmosphäre aus, die irgendwo zwischen Bad und Garage liegt. Außen ist die Fassade mit Säulchen und Erkerchen verziert, denen immer noch französische Muster zugrunde liegen.
Inzwischen geht uns das Gequatsche der anderen richtig auf den Geist. Dass die nicht endlich mal die Klappe halten können! Nach eingenommener Mahlzeit (ich habe den Streichkäse vergessen, den ich mit Wonne auf das Weißbrot schmiere), fahren wir mit dem Bus nach Cat Ba zurück und haben endlich für den Rest des Tages frei. Wir informieren den Guide darüber, dass wir einen Tag länger bleiben wollen und legen uns erstmal auf's Ohr.
Nach einem schönen Mittagsschlaf gehen wir nach draußen und schlendern die Promenade entlang. Natürlich werden wir wieder angequatscht, aber wir sind guter Stimmung, lächeln nett und lehnen so freundlich wie möglich ab. Wir wundern uns über sternförmige Gebilde, die wie Laternen aufgereiht an der Promenade stehen.
Gegenüber der Promenade reihen sich die Hotels an der Straße entlang auf. Die meisten sind offensichtlich nagelneu.
Überall unterhalb der Kaimauer treiben Leute in kleinen Booten und wollen uns rufend zu einer Bootsfahrt überreden. Die Boote sind sehenswert. Sie scheinen aus Pflanzenfasern geflochten zu sein und der Boden ist mit Teer abgedichtet. Heck und Bug sind rund. Auf der einen Sitzbank sitzt der Ruderer und steuert das Boot, indem er die zu beiden Seiten ins Wasser hängenden Ruder nach vorne stößt. Auf diese Weise rudern die Bootsfahrer vorwärts. Auf der zweiten Bank sollen dann wohl wir Platz nehmen. Wir beobachten die Rangfolge, die die Boote beim Anwerben der Touristen einnehmen und sehen, wie zwei Boote aneinander vertäut werden, als die Sonne untergegangen und keine Kunden mehr zu erwarten sind. Eine alte Frau steigt zu einem ebenso alten Mann hinüber auf dessen Boot, und die beiden fangen damit an, ihr Abendessen auszubreiten. Uns dämmert, dass die Leute dort wahrscheinlich auf ihrem Boot leben. Zwei eiserne Stangenbögen quer zur Fahrtrichtung dienen offensichtlich dazu, eine Plane darüberzulegen und somit das Boot in eine schwimmende Koje zu verwandeln. Einige treiben schon so verhüllt im Wasser, in dem sich das letzte Licht des Tages spiegelt. Es ist wieder einmal sehr friedlich und schön.
Als es beginnt dunkel zu werden, erschließt sich uns das Geheimnis der sternförmigen Laternen. Plötzlich gehen überall die Promenade entlang die Lichter an und wir stellen fest, dass wir im Las Vegas des Ostens gelandet sind! Die Laternen imitieren Feuerwerkskörper! Sie flackern und flimmern so schaurig schön kitschig, dass wir zwischen Lachen und Kopfschütteln hin und herwechseln. Die Bäume sind über und über mit Lichtgirlanden vollgehängt, in denen sich auch Lichter fortbewegen und blinken. Das ist alles so liebevoll und gleichzeitig so tolpatschig übertrieben bombastisch, dass es einfach herrlich ist. Ich versuche, etwas davon mit dem Foto aufzunehmen, aber es ist wohl vergeblich.
Abends gehen wir los und wollen mal wieder die vietnamesische Küche probieren. Das Restaurant, das der Reiseführer empfiehlt, ist geschlossen. Daneben ist gleich ein anderes und eine Frau will uns zum Einkehren überreden. Eigentlich mögen wir so etwas ja nicht, aber sie drückt uns die Karte in die Hand und da das Restaurant, in das wir gehen wollten, geschlossen ist, ist diese Alternative so gut wie jede andere. Eine weise Entscheidung, wie sich herausstellen soll.
Kirsten ist mutig und ordert Fisch in Chilli Dip, ich kann mich nur zu Mixed Fried Rice aufraffen. Dazu gibt es wieder mal Spinat mit Knoblauch. Wir sind gespannt. Außer uns ist niemand in dem Lokal. Dann beginnt die Vorstellung. Wir bekommen einen überdimensionalen Kocher auf den Tisch gestellt, daneben eine Schüssel mit lauter Schöpfkellen drin und eine Schüssel mit irgendeinem Kraut. Dann kommt der rohe Fisch und eine riesige Pfanne mit köchelnder Soße - Chilli-Soße. Langsam dämmert uns, wie das hier abläuft, aber diesmal kommt keine Verwirrung auf, denn die Frau, die auch die Köchin ist, macht uns vor, wie es geht. Erst den rohen Fisch kurz in der Soße köcheln, dann das Kraut kurz untertauchen, dann noch ein paar Nudeln hinterher. Alles zusammen in der Reisschale gut durchmischen und...essen. Welch Offenbarung! Es ist köstlich, scharf, fischig und krautig. Wir schlagen uns den Bauch voll. Der Fried Rice ist auch köstlich, der Spinat mit Knoblauch exzellent. Die Köchin sieht uns belustigt beim Schmausen zu und freut sich. Es ist bisher das beste Essen, das wir in Vietnam genießen durften. Am Schluss sind wir pappsatt und zahlen insgesamt nicht einmal 10 Euro. Die Köchin ist so entzückt von uns, dass ihr kleiner Sohn uns beiden einen Kuss auf die Backe drücken muss, obwohl wir ihm sichtlich unheimlich sind. Satt und zufrieden schauen wir uns vom Balkon des Hotels noch kurz das Lichterspiel an und fallen dann in die Betten. Wir haben beschlossen, am nächsten Tag auf jeden Fall wieder dort essen zu gehen.