5. Tag

Wenn Du genau aufpasst, kannst Du noch das sanfte Tuckern des Schiffsmotors hören und siehst die weitläufige Bucht vor Dir liegen und die Inseln am Horizont auf Dich zukommen. Abends hörst Du fernes Hundegebell übers Wasser von den kleinen schwimmenden Fischerhütten kommend sich an den steilen Feldwänden brechen. Die Sterne über Dir leuchten und eine warme, schwarze Nacht wiegt Dich sanft in den Schlaf…

Etwas aufgeregt sind wir schon, als wir am nächsten Tag aufwachen und zu unsere Tour starten. Das Rucksack-Umpacken am Vorabend war etwas stressig, weil ich ständig der Meinung war, wir würden viel zu viel mitnehmen und Kirsten dagegen alles ganz locker sah. Mit frischer Wäsche (Wir haben waschen lassen, wobei das Mädchen, das uns die Klamotten zurückbrachte wohl auf eigene Rechnung gehandelt hat, denn es war billiger und sie sagte "Please don't tell". So wurde unsere Wäsche quasi "schwarz" gewaschen.) brechen wir schließlich auf.

Natürlich sind wir trotz einer Panikattacke meinerseits mehr als pünktlich. Ohnehin starten wir erst eine Stunde später wie abgemacht. Die Gruppe besteht aus zwei Franzosen, von denen einer gar kein englisch spricht, einem älteren Ehepaar, das aus England stammt, aber schon vor einiger Zeit nach Australien ausgewandert ist, zwei Engländern aus Birmingham und noch zwei Australierinnen. Eine ziemlich kleine Gruppe also. Im Bus kommen die Australier natürlich gleich ins Gespräch. Die Engländer mischen auch gleich mit, während wir etwas neidisch zuhören und die Franzosen sich ganz raushalten. Erst als das Gespräch auf die erste Goldmedaille von Australien bei den olympischen Winterspielen kommt, kann ich mich kurz mal einschalten. Es klappt ganz gut, auch wenn die Australierinnen denken, man würde sofort alles verstehen, was sie sagen. Oft lächeln wir nur nett und nicken – ähnlich wie die Vietnamesen.

Peinlicherweise müssen Kirsten und ich mal als Einzige vor dem eigentlichen Stop mal pinkeln. Wir halten an einer Tankstelle und der Guide, der sich als Lap vorgestellt hat, führt uns zu den "Toiletten". Die sind dann ziemlich authentisch. Eigentlich nur zwei einen Quadratmeter große Ecken hinter einer halbhohen Betonmauer mit jeweils einem Loch in der Ecke. Interessante Erfahrung...die Tankstellenleute sind auch ganz interessiert.

Der erste Stop ist dann ein Touri-Neppladen, in dem man allerlei Krimskrams kaufen kann. Wir kaufen völlig überteuerte Cracker.

Das Wetter bleibt bedeckt und die Schönheit der Landschaft bleibt uns etwas verborgen. Trotzdem ist die Fahrt sehr beeindruckend. Auffällig ist, dass es eigentlich keine richtigen Dörfer an der Straße gibt, sondern sich an beiden Seiten immer wieder Häuser aufreihen.

Wir erreichen Ha Long um die Mittagszeit und kehren in einem Restaurant ein. Vorher haben wir unseren Guide sichtlich in Schwierigkeiten gebracht, als wir vegetarisches Essen bestellt haben. Die schlechten Erfahrungen haben ihre Spuren hinterlassen und so wollen wir heute kein Risiko eingehen. Die Garnelen und den Meeresfrüchteteller probieren wir trotzdem und das Essen ist eigentlich ganz ok.

Danach geht es weiter zum Anleger und endlich zu unserem Schiff. Überraschenderweise sieht das Ding aus, wie ein kleiner Mississippidampfer ohne Schaufelrad. Dann beginnt unsere Bootsfahrt und die Atmosphäre ändert sich komplett. Unsere Welt ist auf einmal auf das Boot beschränkt. Das Sonnendeck, der Innenraum und unten die Kajüten. Wir bekommen einen winzigen Raum mit zwei Pritschen zugewiesen. Die untere Pritsche ist breiter. Nachdem wir unser Gepäck verstaut haben verteilen wir uns alle auf dem Sonnendeck und entspannen uns.

Das Boot fährt in eine riesige Bucht hinaus und weit draußen kann man schon die typischen kuppelförmigen Felsen erkennen, die man auf so vielen Bildern gesehen hat. Der Himmel hat passenderweise aufgeklart, und es verspricht ein wunderschöner Nachmittag zu werden.

Die Gespräche fangen langsam an, uns auf den Wecker zu gehen. Die Australier fragen alle aus. Woher sie kommen, wohin sie gehen, was sie darüber denken...schlimm. Natürlich kommt auch die unvermeidliche Frage nach dem Beruf. Ich versuche, das Gespräch darüber nicht zu lang werden zu lassen. Schließlich wollen wir nicht quatschen, sondern die Natur genießen.

Wir stoppen an einer der Inseln, die wir inzwischen erreicht haben und steigen ein paar Stufen zum Eingang einer Höhle hoch. Die Höhle entpuppt sich als absolut riesig. Zwar hat es nicht so viele spektakuläre Felsformationen, wie ich sie schon in Neuseeland gesehen habe, aber von der Größe her ist sie absolut beeindruckend. Hier kann man sich vorstellen, wie es auf Jule Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde ausgesehen haben mag.

Der Ausgang der Höhle liegt dann noch höher und wir haben eine tolle Aussicht über die umgebende Inselwelt.

Kurz sehen wir unsere Flugbekanntschaft mit einer anderen Gruppe eintreffen, aber wir müssen weiter und geben uns nicht zu erkennen. Wir hatten mehrfach versucht, sie zu erreichen, mehr kann man für den guten Tipp nicht erwarten.

Wir fahren weiter bis zu einem Badestop. Die meisten gehen baden und es ist herrlich, obwohl das Wasser überraschend kühl ist. Der Engländer faselt dauernd was von "Who's on the Jellyfish-Watch?" und ich denke erst, er macht einen Scherz, aber bei der Weiterfahrt sehe ich tatsächlich ziemlich große Quallen und gratuliere mir zum überstandenen Bad. Wenn ich die Quallen vorher gesehen hätte...

Gegen Abend gehen wir in einer verschwiegenen Bucht vor Anker. Um uns herum ragen die Felsinseln auf und dazwischen sieht man einige Fischfarmen. Das sind kleine Hütten, die auf einem Floß stehen und vor denen sich im Meer "abgesteckte" "Felder" ausdehnen, in denen offensichtlich Fische "gehalten" werden. Mir fehlen als Nichtexperte für Fischerei die richtigen Worte.

Als es dunkel ist, haben unsere Begleiter das Abendessen fertig. Es sind... übrigens fünf Vietnamesen, die uns begleiten. Sie sind so unauffällig, dass ich zuerst denke, es wären nur drei. Wenn man sich vor einer Treppe begegnet lächelt man nett und geht aneinander vorbei. Das Abendessen ist schwer romantisch. Man hat Kerzen angezündet und wir essen unter Deck.

Die Romantik wird etwas dadurch getrübt, dass wir mit Peter und Barbara, dem älteren australischen Ehepaar, den Tisch teilen, aber so entsteht garantiert kein unangenehmes Schweigen. Sie erzählen uns dann wirklich interessante Sachen über ihre dreimonatige Reise durch Myanmar, Kambodscha und Vietnam, empfehlen uns den Nachtzug nach Sapa und ein Hotel in Hanoi. Das Essen beginnt mit Krabben. Da keiner weiß, wie man sie öffnet, eilt der Koch zur Hilfe und zerlegt sie. Dabei schafft er es, genauso sanft zu bleiben, wie er vorher den Tisch gedeckt hat. Ganz langsam, ganz zögerlich, als könnte eine plötzliche Bewegung uns erschrecken. Er zerlegt die Krabben so, als wolle er sich gleichzeitig bei der Krabbe dafür entschuldigen. Das ist das erste Mal, dass uns dieser sanftmütige Zug an Vietnamesen auffällt. Es macht sie noch sympathischer.

Nach dem Essen nehmen wir unseren Guide beim Wort und nehmen die Matratze von der breiteren Pritsche, um sie oben auf dem Sonnendeck auszubreiten. Die Vietnamesen begrüßen unsere Entscheidung lebhaft. Wegen möglicher Mücken haben wir uns mit Autan eingesprüht. Ich bekomme prompt Allergie, aber es geht noch.

Die Nacht ist so warm, dass wir nur ein Leinentuch brauchen. Unter den Sternen über uns schlafen wir ein, während der Engländer mit dem Franzosen und dem Guide noch ziemlich lange schwatzen und saufen.

Gegen 2:00 Uhr beginnt es leicht zu regnen. Ich bin vorher durch leichtes Donnergrollen wach geworden und habe in der Ferne Wetterleuchten gesehen. Dann setzt leise ein seltsames Rauschen ein und wird lauter. Es dauert einen Moment, bis ich in meinem verschlafenen Kopf das Geräusch als Regen identifizieren, der über das Wasser hinweg auf uns zukommt. Wir bringen die Matratze hektisch nach unten in unsere Kajüte. Da sie muffig riecht, wird meine Allergie noch schlimmer. Die zweite Allergietablette schafft einigermaßen Ruhe. Trotzdem schlafen wir beide den Rest der Nacht nicht so gut.