Wenn Du daran erinnerst, wie still und schlicht die Tempelanlagen waren, und wie arm und aufdringlich die Postkartenjungen, bekommst Du wieder dieses schlechte Gewissen bei dem Gedanken daran, welch unverschämtes Glück Du gehabt hast, auf der richtigen Seite der Welt geboren worden zu sein…
Der nächste Tag in Hanoi steht im Zeichen der Pagoden oder Tempel. Wir machen uns wegen der Entfernung mit dem Taxi auf in Richtung Einsäulenpagode. Der Fahrer setzt uns genau davor ab, aber wir denken, er hat uns falsch verstanden und hat uns stattdessen zum Ho-Chi-Minh-Mausoleum gefahren, denn vor uns steht ein riesiger Klotz.
Wir irren etwas in der Gegend herum, was hier besonders nervig ist, denn an einem solchen Touristenmagnet halten sich natürlich Viele auf, die etwas verkaufen wollen. Cyclofahrer, Postkartenverkäufer, Reiseführer... wir können uns kaum retten. Außerdem ist ein schrecklicher Verkehr.
Schließlich finden wir heraus, dass wir das Ho-Chi-Minh-Museum mit dem Mausoleum verwechselt haben, und die Einsäulenpagode dazwischen ist deshalb nicht zu sehen, weil sie so winzig ist. Wir dachten, die wäre irgendwie hoch, oder groß, dabei ist es ein kleines Gartenhäuschen, das auf einer niedrigen Betonsäule sitzt, naja... Vor der Pagode nervt uns die ganze Zeit ein Cyclofahrer und wir tun ihm schließlich den Gefallen und gehen mit. Der eigentliche Fahrer ist aber ein anderer, scheinbar macht hier also der eine den Drücker, während die anderen ihn für das Anschaffen von Fahrgästen bezahlen. Am Ende der Fahrt am großen Westsee war dann plötzlich angeblich ein ganz anderer Preis ausgemacht, wir zahlen aber nicht mehr und lassen den Fahrer einfach stehen. Diese Erlebnisse zählen zu den Unerfreulichen hier. Aber die muss man wohl für all die anderen Eindrücke in Kauf nehmen.
Am See angekommen, setzen wir uns erstmal in einen Kaffee. Es ist fürchterlich heiß und unsere Irrwege um die Pagode haben uns viel Kraft gekostet. Vor unseren Augen erstreckt sich eine Art Bodensee. Das andere Ufer ist nur undeutlich zu erkennen. Wir sitzen und gucken. Ab und zu muss man einen Postkartenjungen abwimmeln, sonst ist alles friedlich. Schließlich schlendern wir das Ufer entlang zur nächsten Pagode. Sie ist noch geschlossen und macht in einer halben Stunde auf. Wir beschließen zu warten. Natürlich kommt wieder ein Postkartenjunge und spricht uns an. Wir wollen nicht unhöflich sein und antworten ihm auf die Fragen, woher wir kommen und so weiter. Aber alles ist nur die Einleitung zum Verkauf. Als wir ablehnen, bettelt er fast darum, dass wir etwas kaufen: "You can help me". Wir schütteln die Köpfe, er geht ohne ein Wort davon. Das sind die Augenblicke, an denen ich wünsche, wir wären nicht hierhergekommen. Was soll man bloß gegen dieses schlechte Gewissen tun? Was soll man tun dagegen, dass man das Glück hatte, auf der richtigen Seite der Welt geboren worden zu sein? Man kann ihm ja nicht wirklich mit dem Kauf einer Postkarte helfen. Trotzdem nagt der Gedanke an einem, dass die Fotokamera, die man verschämt hinter dem Fuß versteckt hat, mehr wert ist, als der Junge wohl in sehr langer Zeit an Postkarten verkaufen kann. Vielleicht mehr wert, als er jemals besitzen wird. Das geht schon etwas an die Nieren.
Die Pagode entpuppt sich diesmal als kleine, sehr schöne Tempelanlage. Drinnen nervt keiner (den Guide haben wir mit Hinweis, dass wir kein Französisch könnten, ausgeschaltet). Wir schleichen ehrfürchtig um die Ecken und versuchen, nicht aufzufallen, nichts falsch zu machen, und uns überhaupt einfach in Luft zu verwandeln. Im Allerheiligsten bestaunen wir die bunten Buddha-Statuen und die mit allerlei Schnickschnack verzierten Altäre. Ich schieße ein paar Bilder, die das Bild von Hanoi wieder total verfälschen werden. Als wir herauskommen, trifft gerade eine größere Gruppe ein. Glück gehabt!
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Dann sitzen wir wieder in einem Café und schauen über den See. Inzwischen haben wir uns fast an die Kinderstühle gewöhnt, die hier überall benutzt werden. Winzige Stühle an ebenso winzigen Tischen, wir kommen uns vor wie im Kindergarten. Und wie die Vietnamesen dann daran sitzen – manchmal muss man sie einfach süß finden.
Da wir uns wieder vom Sonnenstich erholt haben, beschließen wir, uns heute die volle Packung zu geben und fahren mit dem Cyclo zum Literaturtempel.
Die Fahrt ist lang und der Fahrer bekommt ausnahmsweise mal ein Trinkgeld. Die Tempelanlage entpuppt sich als richtiger Komplex. Vor 1000 Jahren wurde hier so etwas wie eine Universität gegründet, und die Vietnamesen sind zu Recht furchtbar stolz darauf. Der Hauptbau ist ganz aus Holz und riecht innen wie eine Kirche.
Auf einem der großen, quadratischen Höfe sprechen uns ein paar Kinder an. Hier sind ganze Schulklassen angetreten, um alte Inschriften abzumalen oder einfach nur den Geist der Geschichte zu inhalieren. Wir Touristen interessieren sie aber weit mehr. Zu viert und mehr kommen sie und der Mutigste fragt "What is your name?" Als wir antworten, kichern sie ganz verlegen und wissen nicht mehr weiter.
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Es sammeln sich immer mehr und die Horde zieht eine andere Touristin an, die Kirsten von Kindern umringt fotografieren will. Das finden wir so affig, dass wir die Vorstellung abbrechen. Manche Leute haben einfach keinerlei Taktgefühl. Ich habe vielleicht fast schon zu viel Respekt vor den Leuten, und traue mich gar nicht, etwas zu fotografieren, das ich eigentlich schon interessant fände. Aber immer nur blöd alles knipsen? Die müssen sich ja vorkommen wie im Zoo.
Am Abend essen wir in einem piekfeinen französischen Restaurant, und beschließen ab jetzt nur noch authentisch-vietnamesisch zu essen.