Wenn Du die Augen schließt, hörst Du wieder den öffentlichen Radio-Lautsprecher mit den endlosen Durchsagen, die sich ständig zu wiederholen scheinen und die außer den Ausländern hier sowieso keiner mehr hört.
Von wegen alle Eindrücke! Davon gibt es hier wahrlich viel zu viele.
Nach lange durchwachter Nacht schlafe ich gegen frühen Morgen endlich ein. Zu unserer gewohnten Zeit gegen halb Acht wachen wir auf. Kurze Zeit später geht der Lautsprecher in der Nachbarschaft an und verkündet irgendeine frohe Botschaft. Es ist kaum zu glauben: Da sind Lautsprecher installiert, die eine Art öffentliches Indoktrinierungsprogramm ausstrahlen. Man stelle sich so etwas zu Hause vor! Orwells Visionen lassen grüßen.
Das Frühstück ist international, was bedeutet, dass man sich vehement gegen ein "cooked breakfast" englischer Prägung wehren muss. Die Bedienung ist sichtlich enttäuscht, als wir nur Toast, Butter und Jam ordern. Ich habe sowieso schon das Gefühl, hier nicht so viel essen zu können. Sicher kommt man in der Hitze mit viel weniger aus. Wenn ich morgens dann auch noch Eier essen sollte, würde ich sofort kotzen.
Aus dem Hotel kommend angeln wir uns gleich den ersten Cyclofahrer. Den Preis macht man aus, indem man die Scheine vorzeigt, die man auszugeben bereit ist. Was will man auch machen, wenn der Fahrer kein Wort Englisch spricht. Wir sind ganz stolz, dass wir ihn von 3 Dollar auf 10000 Dong herunterhandeln, das ist nicht einmal ein Euro. Die Fahrt ist gelinde gesagt abenteuerlich. Wir sitzen etwas beengt vor dem Fahrer, der sich hinter uns abstrampeln muss. Er macht mit uns gleich eine kleine Rundfahrt, jedenfalls kommt uns das so vor und will am Ende natürlich mehr. Er bekommt 12000 Dong. Was soll's.
Den Tag verbringen wir damit, durch die Gassen der Altstadt zu schlendern. Der Verkehr lässt um die Mittagszeit stark nach und es wird fast ungefährlich, eine Straße zu überqueren. Die Bürgersteige sind vollgestopft mit Waren aller Art. Das Eigentümliche dabei ist, dass die Gassen nach verschiedenen Handwerksarten eingeteilt sind. So gibt es einen Abschnitt für Klamottenläden, einen für Lampen und wieder andere, in denen man nur Schmiedearbeiten findet. Man fragt sich unwillkürlich, wie sich das lohnen kann, wenn der Kunde so viel Auswahl auf so engem Raum hat. Aber das müssen wir ja nicht unbedingt verstehen.
Schließlich finden wir das Kangaroo-Cafe, von dem uns die Tochter unserer Flugbekanntschaft erzählt hat, und fühlen uns gleich wie zu Hause. Sei es, dass ein australischer Besitzer irgendwie mehr Vertrauen einflößt, sei es die nette Bedienung, die uns zu allen Fragen kompetent Auskunft gibt, wir beschließen schließlich dort einen Trip nach Ha Long und Cat Ba zu buchen. Überzeugt sind wir nicht zuletzt deshalb, weil wir uns erst dort entscheiden können, wie lange wir bleiben wollen und nicht auf die angebotene eine Übernachtung angewiesen sind. Das Hotel dort kostet 15 $ und das wollen wir uns ganz locker leisten. Wir starten dann übermorgen und das wird unsere Premiere, was das Reisen in einer kleinen Gruppe betrifft. Zwar war die Dame an der Rezeption unseres Hotels etwas enttäuscht, als wir ihr sagen mussten, dass wir jetzt schon gebucht haben als sie uns einen ähnlichen Trip vermitteln wollte, aber her Miene hellte sich etwas auf, als wir ihr außerdem sagten, dass wir eine Nacht länger bleiben und danach auch wiederkommen werden. Dafür dürfen wir dann unser Gepäck auch hier lassen.
Viel zu viel Geld geben wir für "authentische" italienische Nudeln in einem piekfeinen Restaurant aus. Anschließend feilschen wir wieder um Pfennigbeträge mit dem Cyclofahrer, der es aber diesmal mit Humor nimmt und den Geschwächten mimt. Am Ende muss er selber lachen. Lachen scheint hier sowieso immer angebracht zu sein. Als ich die Wasserflaschen, die uns für 6000 Dong angeboten wurden, für 2000 haben wollte, lachten mich die Marktfrauen einfach aus. War aber nicht spöttisch gemeint, sondern irgendwie fröhlich. Inzwischen wissen wir, dass es "dem Vietnamesen an sich" sehr schwerfällt, einfach "nein" zu sagen. Da lachen sie lieber oder sagen gequält "ja", aber meinen es nicht wirklich. Als wir nach Hause kommen, kann uns die Dame auf die Frage, ob denn die Garden-Roof-Bar geöffnet sei, auch nicht einfach mit "nein" antworten. Stattdessen sagt sie ja und geht sofort zu einem ihrer Kollegen. Als wir in die Bar wollen, ist sie geschlossen. Scheinbar wollte sie den Kollegen bitten, die Bar extra zu öffnen, der hat es dann aber aus irgendeinem Grund nicht getan. Sicher denken sie, es sei unhöflich, einfach zuzugeben, dass die Bar mangels Besucher einfach geschlossen ist. Dabei finden wir das ja ganz verständlich. Aber das kann sie ja nicht wissen. Immer diese Missverständnisse...
Wir scheinen übrigens wirklich absolut außerhalb der Saison hier zu sein. Manchmal haben wir den Eindruck, dass wir am Ende die einzigen westlichen Gäste sind. Besonders, als uns eine Frau an der Rezeption den Schlüssel schon reicht, bevor wir die Nummer sagen können. Wahrscheinlich wusste sie gleich: "Das können nur diese Westler sein, die immer so ungewöhnliche Fragen stellen."