2. Tag

Wenn Du zurückdenkst, fällt Dir wieder das ungläubige Staunen über das allgegenwärtige Chaos und den alles übertönenden Verkehrslärm ein, während Du im Cyclo sitzt und Dich wie ein Pascha durch die Straßen schaukeln lässt.

Wir nähern uns langsam unserem Ziel. Nur noch eine Dreiviertelstunde. Beim Umsteigen in Bangkok hat uns trotz klimatisiertem Flughafen schon fast der Schlag getroffen. Die Feuchtigkeit und Schwüle kann sicher die beste Klimaanlage nicht ganz vertreiben. Jetzt schweben wir wieder über den Wolken und es ist angenehm kühl - wahrscheinlich das letzte Mal für einige Zeit. Zu Hause ist jetzt 4:30 und ich fühle mich wie nach einer durchzechten Nacht. Wenn wir uns heute Nachmittag nochmal hinlegen, werden wir bestimmt so tief einschlafen, dass wir danach völlig von der Rolle sind. Aber hartcoremäßig durchzuhalten, schaffe ich garantiert nicht. Hoffentlich sind wir bald am Ziel und finden schnell den Weg zu unserem Hotel.

Die Zoll und Passformalitäten dauern dann solange wie erwartet. Hier in Vietnam wissen sie halt die Bürokratien noch richtig zu schätzen. Schon jetzt hat man den Eindruck, dass jeder Job von mindestens doppelt so vielen Leuten gemacht wird, wie eigentlich nötig wären.

Als wir die Flughafenhalle dann verlassen, stürzen sich gleich die Taxifahrer auf uns und wollen uns für 10 Dollar in die Stadt karren. Was ja an sich eigentlich ok ist, wären da nicht die Minibusse, eine Art Sammeltaxi, die einen für 2 Dollar pro Person mitnehmen. Da der Minibus aber nicht zum Hotel fährt, müssen wir dann doch noch in ein normales Taxi einsteigen, das viel zu viel, nämlich drei Dollar, kostet. Aber wenn ich bedenke, was wir für solche Aktionen schon in den USA gelassen haben, ist das schon in Ordnung. Kurz herrscht noch Verwirrung darüber, welches Asia-Hotel denn nun gemeint ist, denn es gibt mindestens zwei in der Stadt. Dann bleibt unser Taxi vor einer pompösen Hotelfassade stehen. Und das, nachdem wir vorher durch Gassen gekurvt sind, die Ungutes erahnen ließen. Das Zimmer ist unglaublich komfortabel und sauber. Wir sind so begeistert, dass wir dem Gepäckträger einen Dollar Trinkgeld geben, was ihn sichtlich in Entzücken versetzt.

Dann erstmal unter die Dusche. Kalt, naja, man will ja nicht gleich meckern. Dann schlafen wir zwei Stunden und werden tatsächlich wieder wach, ohne total neben uns zu stehen. Eine Überraschung, denn eigentlich hätten wir das erwartet. Umso besser, also gleich raus und loslaufen. Der erste Eindruck: Hier muss in der ganzen Stadt eine ständige Motorrad- und Fahrraddemo stattfinden. Dazwischen nur ganz vereinzelt Autos und Busse. Alles hupt wie wild und fährt nach dem Motto "Jetzt komme ich". Das klappt überraschend gut. Erste Lektion: Nicht auf eine Lücke im Verkehr warten, das ist hoffnungslos, sondern einfach die Straße ruhig und mit konstanter Geschwindigkeit überqueren. Die Fahrräder und Motorräder schlängeln sich dann einfach an einem vorbei, wobei man besser nicht hinter sich blickt, um zu sehen, wie knapp vorbei das wirklich ist.

Hier in Hanoi scheint die Zeit stillzustehen und das gilt nicht nur für die Lebensweise. Nachdem wir überraschend lange in der Stadt rumgelaufen sind, ohne schrecklich müde zu werden, treffen wir am See die Frau wieder, die sich uns schon beim Umsteigen am Flughafen in Bangkok kurz angeschlossen hat. Sie hat ihre Tochter dabei, die über eine Stiftung nach Vietnam gekommen und seit einer Weile hier lebt.

Obwohl wir im Urlaub ja immer etwas soziophob sind, ist es nett und die Frau macht den Vorschlag, ob man nicht gemeinsam einen Trip nach Ha Long buchen wolle. Laut der Tochter ist eine komplette Individualreise, wie wir sie vorhaben, nicht zu empfehlen. Man sollte schon über eine der Traveller-Cafes zwei oder mehr Übernachtungen dort buchen.

Ihre Erfahrung wiegt schwer und inzwischen sind wir eher geneigt, ihr recht zu geben. Es ist sehr mühsam, ständig alle Angebote ausschlagen zu müssen, sei es nun die Frauen, die etwas zu essen verkaufen, oder die Jungs, die einem hier ständig die Schuhe putzen oder den Weg zeigen wollen. Hier ist die halbe Stadt unterwegs, und ständig dabei ihre Dienste oder ihre Ware feilzubieten und die Touristen sind natürlich allererste oder sogar einzige Wahl. Da kann es hilfreich sein, wenn man sich quasi in die Obhut eines Anbieters begibt. So lange man Taxi fährt, bekommt man keins aufgedrängt, so einfach ist das. Bei diesem Wirrwarr die einzelnen Reiseabschnitte nach Ha Long organisieren zu müssen, wird sicher schnell zur Qual.

Wir tauschen Telefonnummern aus und versprechen uns zu melden. Wir sind uns aber beide nicht ganz sicher, ob wir wirklich zurückrufen wollen. Allerdings ist die Frau wirklich ganz nett und macht auch nicht den Eindruck, als wolle sie uns pausenlos auf den Wecker fallen, sondern sucht einfach ein bisschen Anschluss für Entdeckungstouren in der Umgebung, weil ihre Tochter da scheinbar nicht mehr alles mitmachen möchte. Wir werden sehen.

Danach sind wir wieder alleine und sitzen noch eine Weile am Hoam-Kiem-See, der von ein wenig Parkanlage umgeben ist, die den Verkehrslärm etwas auf Abstand hält. Es kommt nur noch alle 5 Minuten jemand vorbei und will etwas verkaufen. Hier kommen wir endlich dazu, etwas Luft zu holen. Dazu trägt das Wetter bei, denn es ist ziemlich bedeckt und deshalb nicht so drücken schwül wie es das wahrscheinlich sonst ist. Das macht die Ansichten zwar trister, aber ab und zu kommt die Sonne durch und taucht den allgegenwärtigen Dreck in etwas milderes Licht.

Die Bürgersteige sind vollgestopft mit Motorrädern, und die Leute breiten ihre Waren überall auf dem Boden aus. Dazwischen sitzen sie auf winzigen Kinder-Stühlen an winzigen Tischen und schwatzen, essen oder schauen dem Treiben zu. Oft ist man gezwungen, auf die Straße auszuweichen und muss dort dann aufpassen, nicht überfahren zu werden. Es ist einfach für unser europäisches Auge ein riesengroßes Chaos, in dem sich doch Ordnung befindet, die wir oft nicht erkennen können.

Wir finden ein Internet-Cafe und schreiben eine kurze "Hallo, wir sind da"-Botschaft an alle in Deutschland. Es ist spottbillig und wir sind uns einig, dass wir bald wieder dort einkehren werden. Der Ausdruck Internet-Cafe ist allerdings irreführend, denn es gibt keinen Kaffee, obwohl eine Reihe winziger, niedriger Tische und Stühle vor dem Raum mit den Computern stehen. Vielleicht bekommt man ja doch etwas? Wieder eine dieser ständigen Fragen nach dem "Was ist das hier?" oder "Wie funktioniert das hier?", die unsere allgegenwärtigen Begleiter sind.

An einem Geldautomaten der ANZ ziehen wir uns über meine Sparcard die ersten Dong. 1,5 Millionen! Das sind etwa 100 Dollar und damit ungefähr 120 Euro. Damit können wir endlich wie richtige Vietnamesen zahlen - wahrscheinlich trotzdem überall noch viel zu viel.

Auf eine Empfehlung im Reiseführer hin gehen wir auf dem Rückweg in unser Hotel in einem ziemlich feinen Restaurant essen. Wir sind die einzigen Gäste und wieder herrscht diese Unsicherheit: "Machen wir irgendwas falsch?" "Essen die Vietnamesen später?" Die Frühlingsrollen sind noch klasse, aber die Hauptspeise ist furchtbar. Kein Geschmack und am Hühnerfleisch ist noch die Haut dran. Ist hier bestimmt eine Delikatesse.

Ernüchtert kehren wir ins Hotel zurück. Es ist inzwischen 18:30 Uhr und schon reichlich dunkel. Wir lesen kurz. Schauen kurz in den Fernseher, in dem völlig unverständliche Dinge ablaufen, und legen uns dann schlafen.

Schließlich erwachen wir beide mit dem Gefühl, es müsste früher Morgen sein. Der Blick auf die Uhr lässt uns ungläubig staunen. Es ist erst 22:00 Uhr! Ist denn die Zeit tatsächlich stehengeblieben?

Deshalb finde ich auch Zeit dies alles aufzuschreiben, was richtig Spaß macht, weil ich das Gefühl habe alle Eindrücke auch wirklich notieren zu können.