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Ueber den Wolken

12. September 2003

Den Vormittag haben wir wieder am Strand verbracht. Unser Favorit ist nun doch der sehr breite Strand in der Hapuna-Bay mit dem puderfeinen Sand. Da kann man ohne einen Felsen weit und breit nach Herzenslust im Wasser rumbloedeln. Die Brandung ist meistens schwach aber ab und zu kommt eine Moerderwelle, die einen umwerfen kann. Am Ende habe wir extra auf eine solche Welle gewartet und versucht, auf ihr zu surfen. Manchmal wird man tatsaechlich ein bisschen mitgenommen, aber so richtig geht das wohl nur mit einem Brett.

Am fruehen Nachmittag machten wir uns dann endlich auf den Weg zum Mauna Kea. Dazu faehrt man erst etwa eine Stunde zur sogenannten Saddle-Road. Die fuehrt quer ueber die Insel zwischen den beiden Vulkanen Mauna Kea und Mauna Loa, beide etwa 4000 Meter hoch, hinduch.

Mit unserem Mietfahrzeug durften wir diese Strasse eigentlich nicht fahren. Und zwar nicht, weil sie besonders schlecht waere, sondern einfach deshalb, weil die verdammten Autovermieter keinen Bock haben, die Abschleppkosten zu tragen, wenn das Auto dort schlapp macht. Es ist unglaublich, mit welchen Mitteln die alle eventuell anfallenden Kosten auf den Vermieter abschieben. Ich bin ueberzeugt, dass auch unsere extra abgeschlossenen Versicherungen aus irgend einem kleingedruckten Grund nicht greifen, wen wirkolich etwas passiert, es sei denn man hat die Superduperallesinbegriffen-Versicherung abgeschlossen, was eh keiner macht, weil man sonst die Kiste gleich kaufen kann.

Die Saddle-Road ist zwar schmal und etwas holperig, aber eigentlich harmlos. Da die Berge nicht wirklich steil sind, fuehrt sie ueber 25 Meilen hinweg stetig bergauf. Die Fahrt geht durch vulkanisch gepraegte Landschaft, riesige Felder schwarzen, kantigen Gesteins durchsetzt von hellbraunen Bueschen und ab uns zu mal einem knorrigen Baum. Es ist trockene wie in einer Wueste. Weiter oben durchquert man eine Art Praerielandschaft. Und richtig: Hier befinden sich einige Rinderfarmen. Dann sieht es so aus, wie bei uns zu Hause, wenn der Schnee gerade geschmolzen, das Gras braun ist und die Baeume noch ohne Blaetter sind.

Nach 25 Meilen erreichen wir den Abzweig zum Visitors-Center. Nun steigt die Strasse noch 6 Meilen den Berg hinauf und unsere Kiste schnauft im ersten Gang hoch. Die Gipfel des Mauna Kea sind in Wolken, so scheint es. Wir fahren jedenfalls von unten in eine Wolkenschicht hinein und koennen streckenweise keine 30 Meter weit sehen. Dann ploetzlich lassen wir die Wolkendecke hinter uns und fahren wieder in den Sonnenschein. Was ein Anblick!

Am Visitors-Center angekommen stroemen uns ganze Horden von Asiaten entgegen. Die letzten 8 Meilen und ueber 1000 Hoehenmeter bis zum Gipfel, auf dem 13 der besten Telekospe der Welt stehen, fahren wir dann nicht mehr. Zur Abschreckung von Touristen hat man die erste 4 Meilen nicht asphaltiert und die Strasse soll wirklich schlecht sein. Wir wollen unser Glueck nicht ueberstrapazieren. Ohnehin kann man sie Teleskope nicht besichtigen und sieht nur ein paar weisse Kuppeln dort rumstehen. Der einzige Weg hochzukommen ist, viel Geld zu bezahlen und sich einer Reisegruppe anzuschliessen, und darin sind die Asiaten ja gross.

Nach kurzer Zeit brechen alle mit Kleinbussen auf und wir haben das Visitors-Center fast fuer uns alleine. Wir steigen einen Hang hinauf, von dem aus man einen schoenen Blick auf den Sonnenuntergang haben soll. Da wir schon etwa 3000 Meter hoch sind, kommen wir schnell ausser Atem. Es ist kuehl, aber diesmal haben wir uns mit allen dickeren Klamotten eingedeckt, die wir noch haben. Wer haette gedacht, dass meine Thermo-Weste, die ich laengst heimschicken, oder einfach liegen lassen wollte, nochmal in Einsatz kommt? Oben angekommen wird unser Blick von vielen Wolken verdeckt. Ohnehin ist es noch zu frueh fuer den Sonnenuntergang und so stiegen wir wieder ab.

Jeden Abend wird im Visitors-Center ein sogenanntes Stargazing-Programm abgehalten, das wir uns nicht entgehen lassen wollen. Eine Hawaiianerin beginnt mit einer kleinen Einfuehrung in die hawaiianische Mythologie. Dann wird ein Film gezeigt. Ich werde unruhig, denn aus dem Fenster kann man sehen, wie sich die Wolken verfaerben und immer weitere Blicke freigeben. Ich stuerme nochmal den Hang hinauf und keuche wie ein Pferd. Oben angekommen, weiss ich sofort, dass sich jede Anstrengung fuer diesen Ausblick gelohnt haette. Der Horizont scheint zu brennen. Die Sonne ist schon hinter der Wolkenschicht versunken, die die Sicht hinaus auf das Meer versperrt. Dafuer sieht man ein anderes Meer. Die Wolken umschliessen die kegelfoermigen Gipfel um mich herum wie ein Wattemeer. Ich stehe und staune. Als mein Herzschlag etwas ruhiger wird, werde ich mir der absoluten Stille bewusst, die mich einschliesst. Kein Lufthauch weht, es ist die ultimative Stille. Wann bekommt man so etwas schon zu hoeren. Nur von Voegelgekraechze wird sie ab und zu unterbrochen. Das rote, poroese Lavagestein um mich herum scheint im immer intensiver werdende Gluehen am Horizont zu leuchten. Natuerlich mache ich eine Menge Fotos, aber weiss jetzt schon, dass sie diesen Augenblick nur teilweise festhalten koennen. Nach einer ganzen Weile, reisse ich mich endlich los, um im Halbdunkeln den Abstieg wieder zu finden.

Nach dem Film, der mehr ueber die Telekope auf dem Gipfel berichtet, beginnt das eigentlich "Stargazen". Als wir rausgehen, ist es schon stockdunkel. Alle Wolken haben sich mittlerweile verzogen und wir sehen die Milchstrasse sich als deutliches Band ueber unsere Koepfe hinwegziehen. Sterne, Sterne, Sterne. Uns wird klar, warum dieser Ort auf der Welt einmalig ist. Astronomiestudenten haben einige Teleskope aufgebaut und man kann einen Blick hindurchwerfen. So erblicken wir beide das erste Mal Kugelsternhaufen, den Mars und die Andromeda-Galaxie live durch ein Teleskop. Es ist eine Sache, Bilder davon zu sehen, es ist eine ganz andere Sache, diese Dinge mit eigenen Augen zu erblicken. Die Sicht ist so klar, dass wir die Andromeda-Galaxie sogar mit blossem Auge erahnen koennen. Absolut beeindruckend!

Wir essen noch ein Nudelsueppchen, das die Veranstalter in weiser Voraussicht verkaufen und brechen auf bevor der Vollmond aufgeht und uns zu kalt wird. Auf der Rueckfahrt wirft der Mond sein bleiches Licht auf die Haenge und sorgt fuer eine ganz eigene Atmosphaere. Was ein Tag...