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Verwandlung

27. Juli 2003

Heute konnte man mal wieder live miterleben, wie sich ein Ort verwandelt, wenn die Sonne scheint. Morgens war es noch wie gewohnt diesig und kuehl. Die vorgelagerten Inseln konnte man aber etwas besser sehen, vor allen Dingen den Mt. Edgecomb, der in seiner Form dem Fujijama gleicht. Auf einer Postkarte haben wir gesehen, dass der Vulkankegel im Winter noch zur Haelfte schneebedeckt ist, was die Aehnlichkeit noch verblueffender macht.

Gestern sprachen wir noch mit unserem Vermieter ueber Baeren in diesem Gebiet. Heute Nacht hoerten wir dann Geraeusche und der Nachbar schrie "Get out of here!". Es war wohl ein Baer an seiner Abfalltonne und wollte an deren Inhalt. Ich bin zwar aufgestanden, konnte aber ausser der umgestuerzten Tonne nichts sehen. Wie aufregend!

Unser Umzug ins Hotel gestaltete sich schwieriger als gedacht, weil unser Zimmer erst um 14:00 fertig war. Die Uhren gehen in Sitka eben etwas anders. So stolperten wir wieder heimatlos durch den Ort und wussten nicht so recht wohin.

In der Bibliothek haben wir uns eine Liste mit Unterkuenften in Petersburg, unserem naechsten Ziel, ausgedruckt. Wir kommen da uebermorgen um 2:00 Uhr nachts an und muessen wahrscheinlich dann auch noch diese Nacht buchen. Keine Ahnung warum die Faehren so unguenstig fahren. Zu allem Ueberfluss kann es sein, dass die Faehre wegen der Gezeiten gewaltige Verspaetung hat. Deshalb sind wir uns nicht ganz klar darueber, ob wir denn jetzt schon buchen sollten. Wenn wir beispielsweise vier Stunden spaeter ankaemen, koennten wir bequem erstmal fruehstuecken und dann einchecken und haetten glatt eine Uebernachtung gespart. Das macht viel aus, denn hier sind die Unterkuenfte nicht gerade zahlreich und die Preise deswegen astronomisch hoch. Gott sei Dank gibt es eine Telefonauskunft ueber die zu erwartende Verspaetung, die morgen zur Verfuegung stehen soll. Deshalb werden wir die Entscheidung besser auf morgen verschieben. Damit befinden wir uns in der seltsamen Situation, dass wir auf eine Verspaetung der Faehre hoffen. Das ist ein Beispiel dafuer, wie wir beim Organisieren unserer Reise hier aufpassen muessen. Teilweise ist es ziemlich nervig, 10 B&Bs anzurufen und immer wieder zu hoeren, dass sie voll sind, was natuerlich zuerst fuer die preiswerteren B&Bs gilt.

Als wir aus der Bibliothek kamen, klarte der Himmel langsam auf und die Sonne begann zu scheinen. Was bei diesigem Nieselwetter aussah wie ein trostloser Ort am Ende der Welt verwandelte sich auf einmal in ein kleines Paradies. Am Hafen legte eine Hochzeitsgesellschaft ab, verschiedene andere Boote kreuzten vor den spitzhuegeligen Inseln und die gruenen regenbewaldeten Berge hinter Sitka waren endlich auch fast frei von Wolken. Was die Berge angeht, koennte der Ort auch irgendwo im tiefsten Amazonasgebiet liegen. Der Wald hat fast Urwaldcharakter, wie er jeden freien Zipfel Erde bedeckt und die Haenge ueberwuchert. Nur die hoechsten Gipfel sind felsig.

Heute Abend machten wir einen Spaziergang zum Sitka-National-Historic-Park. Das ist ein kleines Waldgebiet am Rand von Sitka, durch das sich der Totem-Trail zieht. Hinter dem Informationscenter beginnt der Trail und schon nach drei Schritten befindet man sich in einer andern Welt. Der Wald ist so dicht, dass es daemmerig ist. Riesige Nadelbaeume ragen wie moosbewachsene Saeulen um uns auf und das Unterholz ist ebenfalls dicht. In Abstaenden stehen haushohe indianische Totem-Pfaehle auf kleinen Lichtungen. Sie sind bunt angemalt und kunstvoll geschnitzt.

Schliesslich muendet der Pfad an einem felsigen Strand. Man hat einen schoenen Blick auf dem Mt. Edgecomb und wir bekommen wieder eine Lehre in Sachen amerikanischer Unbildung, als eine Frau neben uns stehend ihren Mann fragt, welcher Berg denn nun der Vulkan sein. Wir brechen fast zusammen. Es laesst sich eigentlich kein vulkanischerer Vulkan denken wie der Mt. Edgecomb. Sie ist ungefaehr dasselbe Kaliber wie die Frau, die in Seward ueber die toten Fische gebeugt fragte, ob die erschossen worden seien...

Etwas weiter muendet ein kleiner Fluss ins Meer und was wir dann sehen, laesst uns den Mund offen stehen. Ueberall im Wasser springen Lachse wie wild! Ueberall sieht man sie Boegen schlagen und ihre weissen Baeuche in die Luft strecken. Als wir naeher kommen, sehen wir unzaehlige silbrige Rueckenflossen aus dem Wasser schauen. Es muessen Tausende sein. Ab und zu beginnt das Wasser an einer Stelle zu kochen, als haette jemand in einem Whirlpool den Whirl angeschaltet. Dann setzt sich die Unruhe wie eine Lawine ueber einige Meter hinweg fort. Wahnsinn! Lachse springen gegen die Stroemung des muendenden Flusses ueber Steine hinweg, Lachse schlaengeln sich hierhin und dorthin, springen, wuseln, geraten in Panik, lassen sich zuruecktreiben und suchen nach dem richtigen Weg den Fluss hinauf, denn dort wollen sie alle hin, um ihren Laich abzulegen und dann zu sterben. So wie jedes Jahr.