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Rueckschlaege

17. Juli 2003

Das war wohl nix. Aaron hat sich nicht mehr gemeldet. Dafuer haben wir neue Interessenten, die sich das Auto am Samstag anschauen wollen. Ausserdem haben wir die Anzeige bis ueber das Wochenende verlaengert. Da die armen Amerikaner ja so viel arbeiten muessen, haben sie bestimmt nur am Wochenende Zeit, sich nach einem Auto umzuschauen. Im Ernst, wenn man sich hier die Oeffungszeiten anschaut, fragt man sich schon, wann sich eigentlich im amerikanischen Familien mal alle Mitglieder treffen. Wir sind schon nach 23:00 Uhr im Supermarkt gewesen, und ich versuche mir dann immer vorzustellen, wie es fuer die Kassierer sein muss, so lange zu arbeiten, wenn draussen das schoenste Wetter ist. Man kann sich das wohl nicht schrecklich genug vorstellen.

Wenn alles nicht hilft, muessen wir das Auto eben mit grossem Verlust einem Haendler in den Rachen schmeissen, und die enormen Kosten fuer die Anzeigen sind ebenfalls aus dem Fenster geworfen. Wir ueben uns derweil in Geduld und ich ueberlege schon, ob ich wegen meiner wachsenden Nervositaet nicht mit Atemuebungen oder Yoga anfangen soll. Ein Glueck, dass wir in weiser Voraussicht verlaengert haben. Sonst haetten wir das Auto schon jetzt mit Verlust verkauft und haetten uns das Warten auf den Weihnachtsmann gar nicht leisten koennen.

Inzwischen fragen wir uns schon, wie wir uns denn eigentlich in Anchorage ohne Auto bewegen sollen, wenn es erstmal weg ist. In Downtown gibt es wegen der Riesenmaerkte ausserhalb ja fast keine Laeden, in denen man Lebensmittel kaufen koennte. Ganz Downtown ist ein einziger grosser Souveniershop. Das Kino ist gaenzlich unerreichbar und unser Paket muessen wir unbedingt noch vorher zur Post bringen. Wieder faellt uns diese ungeheure Platzverschwendung auf, die hier betrieben wird. Mitten in der Stadt liegen riesige Flaechen einfach brach und dienen scheinbar nur dazu, den Abstand zwischen einzelnen Abschnitten der Stadt zu vergroessern. Hier laeuft kein Mensch oder faehrt Fahrrad, um von A nach B zu gelangen. Ausnahme ist der Weg entlang des Cook-Inlet, aber da wird beides ausschliesslich mit sportlicher Absicht gemacht. Schon die Bezeichungen "biken" und "hiken" lassen ahnen, dass der Amerikaner damit keinen Spass versteht, sondern es im Gegenteil als seine patriotische Pflicht ansieht, seinen Koerper damit zu staehlen.

Wir waren heute auch bei einem "Experten", was das Reisen angeht und haben eigentlich nur betaetigt bekommen, was wir ohnehin schon wussten. Eine Zugverbindung nach Juneau gibt es nicht. Eine Faehrverbindung nur einmal im Monat. Die Faehre ist dann drei Tage unterwegs und eine Kabine ist, wenn ueberhaupt noch zu haben, wahrscheinlich unerschwinglich. Die Flugtickets sind billiger wenn man zwei Wochen im voraus bucht, aber wenn wir das Auto verkauft haben, werden wir sicher nicht nochmal zwei Wochen hier rumhaengen wollen. Also bleibt nur der kurzfristige und teuere Flug.

Wir waren heute Abend mal im Pub und haben uns ein Bier hinter die Binde geschuettet. Danach sind wir zum Telefon getorkelt und haben meine Mutter ein Geburtstagsstaendchen gebracht. Schon komisch, jemandem zum Geburtstag zu gratulieren, obwohl es fuer uns ein Tag zu frueh ist. 10 Stunden Zeitdifferenz sind schon manchmal verwirrend.

Es ist traurig zu sagen, aber was man hier von indianisch- oder eskimostaemmigen Menschen zu Gesicht bekommt, tapert ziellos und oft betrunken im Stadtzentrum herum, bettelt oder luemmelt sich in den Gruenanlagen. Es ist wie mit den Aborigines in Australien, von denen man ja auch nur ziemlich bedauernswerte Gestalten zu Gesicht bekommt.

Vorhin haben wir im Fernsehen die Rede vom Blair verfolgen koennen, der gerade in Washington zu Besuch ist. Dabei haben wir fast einen Anfall ueber das Ausmass der Arschkriecherei bekommen. Das war wirklich unglaublich. Dem Blair nimmt man aber allerdings seine guten Absichten fast noch ab, so fehlgeleitet sie sein moegen. Der Bush dagegen gibt sich ja schon gar keine Muehe mehr, seine Arroganz zu verbergen. Wird in Deutschland eigentlich noch viel ueber Irak berichtet? Hier ist das immer noch Thema Nr.1. Man hoert schon kritische Stimmen, die den Kriegsgrund in Frage stellen oder ueber die bestaendigen Anschlaege dort besorgt sind, aber merkt auch, wie vorsichtig die hier sein muessen, um bloss nicht unpatriotisch zu erscheinen.