Gluecksfall |
07. Juli 2003
Wenn wir uns an das Motto hielten, dass man dann aufhoeren soll, wenn es am schoensten ist, muessten wir jetzt auf der Stelle die Koffer packen und die Heimfahrt antreten. Dieser Tag heute spottet jeder Beschreibung. Ich werde es dennoch mit einer versuchen und den Spott gern ertragen.
Der Tag begann mit einem koestlichen Fruehstueck mit Pancakes, Toast, starkem Kaffee, also allem, was morgens so braucht. Wir unterhielten uns nett mit unseren Gastgebern und auch mit dem indischstaemmigen Ehepaar, das mit seinen beiden Kindern auch hier wohnt. Die Kinder, 3 und 5, Junge und Maedchen, waren echt zum Knuddeln, und ich gehoere sonst wahrlich nicht zu den Kinderknuddlern.
Schliesslich brachen wir zum Exit-Gletscher auf, der sich wenige Meilen vor der Stadt befindet. Ein kurzer Pfad brachte uns zu einem Aussichtspunkt neben dem Eis. Das war nun ein ganz anderer Gletscher als der gestrige, mit einer ordentlich krumpeligen Oberflaeche und tiefen Gletscherspalten, aus denen uns das Eis blau entgegenleuchtete. Dazu blies ein passend eisiger Wind, der kalte Atem des Gletschers.
Ein weiterer Pfad fuehrte uns schliesslich zum Fuss der Gletscherzunge. Dort standen wir dann nur 20 Meter vor einer vielfaeltig strukturierten Wand aus Eis. Spalten, Hoehlen, Ueberhaenge, Risse und einem Fluss, der dort seinen Anfang nimmt. Man konnte sich einfach nicht satt sehen.
Ein turmhoher, etwa 10 Meter hoher Teil des Eises ragte etwas vor und wir dachten, Mensch, das Ding koennte doch jetzt gerade mal umkippen, nur so zum Spass. Wir machten gerade Witze darueber, dass man doch trotz der Warnschilder hingehen und dem Teil einen Stups versetzen koennte. Ploetzlich ein reissendes Geraeusch, Kirsten packt mich am Arm, stoesst ein "Ja!" hervor und der Eisturm neigt sich majestaetisch zur Seite und kippt mit einem gewaltigen Krachen in den Fluss. Wir blieben wie angewurzelt stehen, bis die kleine Flutwelle uns dazu zwang, ein paar Meter zur Seite zu springen. Dann standen wir wieder da und starrten fassungslos auf die Eisbloecke, die im Wasser lagen und die Abbruchkante, die in der Sonne glaenzte, wie eine frische Wunde. Es war als haetten wir dieses Ereignis mit unserer blossen Willenskraft ausgeloest. Wir fuehlten uns fast ein bisschen verantwortlich fuer diesen Eissturz. Um uns herum standen noch ein paar Leute und wir stiessen alle unartikulierte Laute des Entzueckens aus. Wir konnten uns gerade noch zurueckhalten, uns gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und uns zu dem wahnsinnigen Glueck zu gratulieren, Zeuge eines solchen Augenblicks geworden zu sein. Ein Mann zeigte uns stolz die Aufnahmen, die er mit seiner Digitalkamera gemacht hatte und er hatte es tatsaechlich geschafft, eine Serie von Fotos zu schiessen, die den Eisblock in allen Phasen des Sturzes zeigten. Wir tauschten spontan die E-Mail-Adressen, und er versprach, uns die Fotos zukommen zu lassen. Aufgeregt wie die Kinder sprangen wir herum, klaubte kleine Eisblocken aus dem Fluss, die dort jetzt weggeschwemmt wurden und hielten sie in Haenden, bis sie uns fast abfroren. Sie glitzerten in der Sonne und waren klar wie Glase. Nur wenige haben sicher das Glueck so wie wir zur absolut richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und das volle Bewusstsein dieser Tatsache berauschte uns so, dass wir am liebsten die ganze Welt umarmt haetten. In doppelten Wortsinn ein echter Gluecksfall.Schweren Herzens traten wir schliesslich den Rueckweg an, um uns fuer unsere Bootstour fertig zu machen. Eine 6-stuendige Fahrt durch die Fjorde und zu den Gletschern des Kenai Fjords National Park stand auf dem Programm. Und auf dieser Fahrt ereigneten sich weitere unvergessliche Dinge. Dreimal auf der Fahrt sahen wir Wale! Zwar in einiger Distanz, aber man konnte deutlich die Rueckenflossen erkennen, und sehen, wie sie Wasser aus dem Atemloch stiessen. Und bevor sie tauchten kam es jedes Mal zu diesem unglaublichen Moment, wo die Heckflossen weit aus den Wasser ragen. Vielleicht haben wir sogar ein Foto davon, aber das Billd hat sich uns so unausloeschlich eingepraegt, dass das eigentlich egalg ist.
Geduld lieber Leser, es geht noch weiter. Die verschiedenen Seeadler, Seeloewen, Seeotter, Puffins (papageiartige Voegel), Quallen und Baeren (am Strand) erwaehne ich nur der Vollstaendigkeit halber. Aber dann kamen die Delphine! Erst sprangen nur ein paar in der Ferne, aber mit einem Mal waren wir mitten unter ihnen. Neben dem Boot sprangen ueberall wie wild dutzende Delphine, schlugen Haken und Kapriolen. Hinter dem Boot surften sie auf der Bugwelle und machten sich einen Spass daraus, dem Boot ein Rennen zu liefern. Der Tourguide war selbst ganz platt und einige Miglieder der Crew kamen ebenfalls an Deck, weil sie so etwas ebenfallsnoch nie gesehen hatten. Auf dem Boot herrschte eine ebenso ausgelassene Stimmung wie im Wasser und man machte sich begeistert auf die verspieltesten Saltoschlaeger aufmerksam. Es war absolut herrlich!
Den Abschluss bildete dann der eigentliche Gletscher, der hier bis ins Meer reichte und ein Vielfaches breiter und hoeher war als "unser Gletscher". Das Boot stellte in kurzer Entfernung den Motor ab und wir konnte das Krachen und Knacken des Eises hoeren. Ein arktischer Atem hauchte uns an und wir zogen trotz gleissendem Sonnenschein alles ueber, was wir mitgenommen hatten.
Voellig ueberwaeltigt und voll von Bildern und Eindruecken sassen wir auf der Rueckfahrt da und erinnerten uns immer wieder gegenseitig an die unvergesslichen Anblicken, die wir heute geniessen durften. Wir werden natuerlich nicht unsere Koffer packen und sofort die Heimreise antreten. Aber wir werden die naechste Zeit auf jeden Fall entspannter Reisen, weil wir nicht mehr den Drang verspuehren alles sehen zu muessen, sondern erstmal eine Weile brauchen werden, um diesen Tag zu verarbeiten.