zurück

 

Natur-Overkill

18. Juni 2003

Diese Nacht war schon besser. Keine Allergie und weniger wild gewordene Zuege. Trotzdem kehrten wir Banff heute den Ruecken, weil uns diese Touristenballung doch auf den Wecker ging und ein vielversprechender Abschnitt unserer Reise direkt vor uns lag: Der Icefield-Parkway, der von Banff ueber Lake Louise nach Jasper fuehrt. Der heisst deshalb so, weil hier am hoechsten Teil der Rockies viele von Westen kommende Wolken ihre Last als Schnee abladen. Aus diesem Grund gibt es riesige Schneefelder und Gletscher, von denen man leider von der Strasse aus nur einen kleinen Teil sehen kann. Aber schon der ist beeindruckend. Fast zu beeidruckend, wie ich gleich schildern werden...

Den ersten Halt legten wir in Lake Louise ein, einem grossen tuerkisfarbenen Gletschersee umringt von Bergen und gespeist von einem Gletscher, der sich so weit zurueckgezogen hat, dass man seine Abbruchkante hoch oben an Berg sehen kann. Auch hier war leider alles total ueberlaufen und voll von "Reisebussen des Grauens". Darueberhinaus steht direkt am Ufer ein klotziges Riesenhotel. Das war uns entschieden zu gruselig. Um diesem Trubel zu entkommen, mieteten wir uns zu einem horrenden Preis fuer eine Stunde eine Kanu und paddelten auf den See hinaus. Gut, dass wir es schon im Algonquin-Park geuebt hatten. Hier waere es sehr viel peinlicher gewesen, im Kreis zu fahren. Auf dem See fand man dann die Ruhe, die man braucht, um solch ein ueberwaeltigendes Szenario auf sich wirken zu lassen.

Trotz laengerer Anfahrt haben wir uns danach auch den im Reisefuehrer als nicht so ueberlaufenen gepriesenen Moraine-Lake nicht entgehen lassen. Wie der Name schon vermuten laesst auch ein Gletschersee, der beinahe noch tuerkisener ist. In der letzten Eiszeit hat der Gletscher praktischerweise bei seinen Bewegungen einen Aussichtshuegel aus Felsen aufgetuermt, von dem aus man den ultimativen Blick hat. Es ist zwecklos, das beschreiben zu wollen, aber dafuer mache ich ja Fotos. Passenderweise muesste es direkt hier eingefuegt werden und ich koennte mir die vielen unzulaenglichen Worte sparen und einfach sagen: Und dann sahen wir das: Hier kaeme dann das Bild. Auf dem Felsenhuegel konnte sich jeder ein Plaetzchen suchen - und 90% der gruseigen Reisebussinsassen kamen da eh nicht rauf. Damit hatten wir fast unsere Ruhe. Gnadenlos schoen.

Aber das war noch nicht alles. Wir hatten ungefaehr ein Viertel des Icefield-Parkways zurueckgelegt und waren schon voll mit Eindruecken, als wir noch mit einem schier atemberaubenden Ausblick auf einen weiteren See und ein unendlich langes Tal mit in der Ferne verschwimmenden schneebedeckten Bergen bomardiert wurden. Da war es dann soweit: Akuter Natur-Overkill! Ich machte nur noch schwache Bewegungen mit meiner Fotohand und Kirsten knurrte alle anderen Touristen an, die sich mit uns ueber dieses Naturschauspiel freuten. Es war Zeit fuer einen Zwischenstop. Nach zwei Tagen im Zelt weiss man auch das schlimmste Motelbett wieder zu schaetzen. Vor uns liegt noch ein grosser Teil des Parkways und nach einer angenehmen Nacht, koennen wir wohl auch die naechste Portion Natur wieder richtig wuerdigen.