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Pseudofranzosen, die Tour de Mont-Royal und Miraculix-Suppen

7. Mai 2003

Unter diesen Pseudofranzosen hier in Montreal kommt man sich manchmal wie ein Ausserirdischer vor. Mon dieu, koennen die nicht anstaendig englisch reden, wie jeder vernuenftige Kanadier? Die meisten koennen es ja, aber ab und an trifft man tatsaechlich auf Leute, die ausschliesslich franzoesisch sprechen. Faszinierend. Aber langsam gehen uns die Frankokanadier ganz schoen auf den Geist. Einige unangenehmes Klischees erfuellen manche von ihnen wie echte Franzosen: Sie erscheinen arrogant und fahren wie die gesengten Saeue. Und das nachdem wir aus Maine kommen, wo die Amerikaner fast stehenbleiben beim Abbiegen nur um jeden, der sich in 500 Meter Umkreis den Anschein dazu gibt, ueber die Strasse zu lassen! Dazu kommen die ueblichen Missverstaendnisse. Zum Beispiel gibt es in ganz Quebec scheinbar nur Eis in Monstergroesse. Selbst auf ein "Cornet avec 1 Boule" werden zu unserem Entsetzten zwei Kugel geklatscht. Nach dem ueblichen franzoesischen Gebrabbel erklaert die Eisverkaeuferin schliesslich, dass das ein Boule sei. Die spinnen die Pseudofranzosen. Toc, toc, toc.

Heute haben wir in einer Tour de Mont Royale die Innenstadt von Montreal erkundet. Unser erster Eindruck bestaetigte sich. Montreal ist ziemlich haesslich, auch ohne Regen. Da helfen auch die schoenen aelteren Gebaeude wie das Rathaus nichts, wenn alles darum herum vollkommen verbaut ist. Die schlimmste 60er- und 70er-Jahre Architektur, die man sich vorstellen kann. So haessliche Hochhaeuser habe ich noch nirgends gesehen. Dazwischen mal wieder ein Boulevard mit vielen kleinen Laedchen und Cafes, dann wieder...ach grauenhaft. Vieles macht einen richtig heruntergekommenen Eindruck.
Die beruehmte Stadt unter der Stadt, ein riesiger Komplex miteinander verbundener unterirdischer Einkaufszeilen entpuppte sich als so gruselig, dass wir schnell wieder auftauchten. Hinunter fuehrte eine Rolltreppe, die an Duesternis nicht zu ueberbieten war. Unten angekommen, ging es dann etwas lebhafter zu, aber da stroemt die B-Ebene unterhalb in der Hauptwache mehr Charme aus als das hier.
Am besten gefiel uns die Aussicht vom Mont-Royal aus. Das ist der Monte Scherbelino von Montreal, nur dass da kein Muell verbuddelt wurde. Dieser 200 Meter hohe Huegel (Die Eingeborenen halten es in massloser Ueberschaetzung tatsaechlich fuer einen Berg...lachhaft!) erhebt sich unmittelbar noerdlich der Innenstadt und man hat einen tollen Blick auf die chaotische Architektur und den Fluss. Schade, das Montreal nur von dort, aus sicherer Entfernung, etwas netter wirkt. Wir packen jedenfalls morgen unsere Sachen und machen uns aus dem Staub. Etwas Natur taete uns nach so viel Stadt wieder gut. Mal schauen.

Ein echter Volltreffer war allerdings ein kleines vietnamesisches Restaurant "Pho Bang New York" in Chinatown, das uns sehr an das "House of Nankin" in San Francisco erinnerte. Spezialitaet des Hauses sind echt vietnamesische Suppen. Als wir gestern Abend die Mediumgroesse bestellten, bekamen wir jeder eine Suppenterrine auf den Tisch gestellt, von der sich jeweils eine ganze Familie haette ernaehren koennen. Es war genaugenommen eigentlich ein ganzer Topf. Unwillkuerlich fragen wir uns, wie dann wohl die grosse Suppe aussehen muesste. Heute haben wir sie bei unserem zweiten Besuch gesehen. Sie nimmt etwa den gesamten Tisch ein. Das Behaeltnis wuerde bei uns hoechstens als Salatschuessel Verwendung finden...oder als Eimer. Und irgendwo muss so viel Suppe ja herkommen. In der Kueche werden die Suppen bestimmt in gigantischen Kesseln gebraut. Kesseln wie der, in dem Miraculix seinen Zaubertrank braut. Ein ganze Reihe riesiger Schwarzer ruehrt unter Trommelschlaegen des Sklaventreibers staendig mit Loeffeln von der Groesse eines Hockeyschlaegers um und um und um und um.... Unglaublich allerdings wie aus der winzigen Kuechen, durch die man echt vietnamesisch auf die Toiolette hindurchgehen muss, so grosse Suppen kommen koennen. Das grenzt an Hexerei. Ich habe die Terrine sogar fast leer geschluerft. Der Nachhauseweg war mit kugelrundem Suppenbauch allerdings mehr als beschwerlich. Sollte je jemand von Euch nach Montreal kommen, darf er dieses Erlebnis auf keinen Fall verpassen.

Was uns in diesem Zusammenhang wieder einmal unangenehm aufgefallen ist, sind die Tischmanieren der Nordamerikaner. Das wird geschluerft, geschmatzt, mit offenem Mund gekaut, der linke Arm quer vor den Teller gelegt, der Kopf beinahe auf den Teller gesenkt undd die Gabel mit voller Faust gegriffen und falsch herum in den Mund gestopft. Ich bin nun wirklich kein Experte was das Thema betrifft, aber das ist wirklich hart. Erstaunlicherweise unterscheiden sich die Frankokanadier dabei ueberhaupt nicht von den Amis oder den Anglokanadiern. Beim Essen sind sie alle gleich...schlecht erzogen.