Freakshow im Pizzakino, Carmen Verandah und die Temporaere Insel |
2. Mai 2003
Gestern waren wir im Kino, im Pizza-Kino, in dem Kino, das uns der Cafe-Besitzer empfohlen hat. Es war...ein Erlebnis. Als Film haben wir uns "The Quiet American" ausgesucht (es gab zwei Kinosaele). Ein sehr stimmungsvoller und langsamer Film ueber Vietnam in den 50er Jahren. Eine Geschichte, die geschickt zwischen einer Lovestory und den politischen Umwaelzungen im Zuge des Unabhaengigkeitskampfs der Vietnamesen gegen die Franzosen hin- und herschwankte. Man koennte jetzt boese behaupten, dass das nicht gerade der Stoff ist, der hier zu grossen Besucherzahlen fuehrt und es waren dann auch nicht viele Leute da. Aber die waren dafuer sehenswert. Das Publikum bestand aus einer Mischung von angegrauten Althippies und nicht so angegrauten Oekos in weiten Schalbberhosen und Baerten wie ZZ-Top. Der Kinosaal war eine Mischung aus Kirche und Wohnzimmer. Kirche deshalb, weil vor den Sitzen einer Art Ablageflaeche installiert war. Es fehlte nur noch die Schraeglage und ich haette Bibeln und Gesangsbuecher darauf erwartet. Stattdessen stellt man dort seine Cola und Pizza ab. Die Pizza bestellt man beim Eintreten und bekommt einen Zettel mit einer Nummer, die dann im Kino-Saal auf einer riesigen Bingo-Tafel angezeigt wird. Als unsere Nummer erschien, konnte ich mich gerade noch zurueckhalten laut "Bingo!" zu schreien. Die Pizza ist weiter nicht der Rede wert (wuerg). Wohnzimmer deshalb, weil in den ersten Reihen dickgepolsterte Sofas und Sessel stehen, in denen man etwa auf die Hoehe seiner Knie versinkt und die Staubwolken freigeben, die einen fast ersticken lassen. Da die Polster aussahen, als koennten sie sich waehrend der Vorstellung von selbst bewegen, haben wir uns auf die Kirchenbaenke zurueckgezogen. Um sich das Lokalkolorit vorstellen zu koennen, fehlt noch die liebevoll zusammengestellte Mischung von roten und lilafarbenen geraffeten Stoffbezuegen an den Waenden. Das Pizza-Kino war tatsaechlich eher so etwas wie ein Programmkino, und die sind wohl nur fuer die oben beschriebene Zielgruppe akzeptabel. Aber die Kroenung war einwandfrei der vollbaertige Koch mit dem Notre-Dame-T-Shirt, den wir beim Rausgehen zu Gesicht bekamen. Blumenkinder in Neu England, wer haette das gedacht?
Noch ein paar Impressionen aus Bar Harbor.
Einen Abend fragten wir uns: Wo geht man hier abends hin?
Schon zu Anfang war uns auf der Hauptstrasse das Restaurant-Cafe-Kneipen-Livemusik-Spielhallen-Etablissement
mit dem ausgefallenen Namen "Carmen Verandah" aufgefallen. Vom Schild, das auf die Strasse hinaus hing,
zwinkerte uns Carmen, eine rassige Suedlaenderin vielversprechend zu. Als wir die Kneipe betreten: Ein paar
Figuren, die an der Bar abhaengen. Roliie und Kyte setzten sich dazu, bestellen ein Bier und tun das, was man
in einem Saloon so tut. Gefaehrlich aussehen. Das koennen sie gut. Rollie zu Carmen hinter der Bar: "Hey, Baby
wo kann man hier ne Runde Billard spielen?" "Die Treppen hoch, Mann", schnauzt sie zurueck. Kyte schleudert
eine Flasche Boston Harpoon nach ihr und trifft den Spiegel, der in tausend Stuecke zerspringt. Alles erstarrt.
"Mir gefaellt Dein Ton nicht Schlampe", bemerkt Kyte, dann gehen die beiden die Treppen hoch und spiele
seelenruhig eine Partie Billard. Rollie gewinnt und sie muessen aufhoeren, weil Kyte nicht gern verliert. Ohne
zu zahlen verlassen sie Carmen Verandah und wurden nie wieder dort gesehen.
Eine andere Attraktion in Bar Harbor ist die temporaere Insel. Eine Insel, die es nur zeitweise gibt. Nein, nicht dass sie im Nebel verschwindet wie einst Avalon. Nein, Pete, sie verschwindet auch nicht in der Zeit durch temporale Unregelmaessigkeiten. Sie ist einfach deshalb temporaer, weil sie eine Verbindung zum Festland besitzt, die bei Flut ueberflutet und bei Ebbe verebbt...aeh...also jedenfalls trocken und begehbar ist. Vielleicht sollte ich besser befahrbar sagen, weil der Amerikaner an sich nicht gern geht, sondern ueberall, also auch auf diese Landbruecke, mit dem Auto faehrt. Am ersten Abend sah, das aus der Ferne so aus, als wuerde da ein Auto ueber das Wasser fahren. Die Landbruecke war zu der Zeit so schmal, dass man sie fast nicht sah, sondern nur das Wasser davor und dahinter. Donnerwetter, dachten wir, hat sich Jesus jetzt einen Jeep gekauft.
Ihr seht, es hat sich gelohnt, etwas laenger in diesem interessanten Ort zu bleiben. Zu unserer Ehrenrettung sei gesagt, dass wir nicht nur gefaehrlich ausgesehen, sondern auch zwei sehr schoene und lange Wanderungen gemacht haben. Beide Male haben wir dabei einen "Berg" bestiegen und atemberaubende Aussichten genossen. Bei der zweiten Wanderung mussten wir sogar einen fuer mich grenzwertig steilen Abhang hinunter. Dabei sind wir ueber Felsplatten aufgestiegen, die uns an den Ayers-Rock erinnert haben. Das ist es sowieso, was die Schoenheit dieser Landschaft ausmacht: Nadelwaelder, zwischen den Baeumen, treten immer wieder verschiedenfarbige Felsen hervor und dann das Meer, die Inseln drumherum und dazu noch einige Seen. Und das alles sieht umfasst man dann von manchen Stellen mit einem Blick.